Wo bitte ist das nächste Loch?

Kennt Ihr das auch? Ihr seid fest davon überzeugt, etwas richtig zu wissen, dabei ist es völlig falsch? Das sind Situation, da braucht man dringend ein Versteck oder ein Loch im Boden, um darin zu versinken.

Als ich klein war, gab es bei meinen Großeltern unsere geliebte Grete. Grete war mit 16 als Kindermädchen ins Haus meiner Großeltern gekommen und kümmerte sich jetzt, nachdem sie alle sechs Kinder großgezogen hatte, auch um uns Enkel. Sie wohnte fest bei meinen Großeltern; ich habe den Haushalt meiner Großeltern nie ohne sie erlebt.

Grete war ein Unikum und konnte die tollsten Geschichten erzählen. Sie schaffte es, dass man sich mit einer alten Wolldecke um die Schultern und einem Salatsieb auf dem Kopf tatsächlich wie eine Prinzessin fühlte; das Salatsieb war die Krone und die Wolldecke der prachtvolle Prinzessinnenumhang. Grete hatte einen Bruder, der mit seiner Familie in der Nähe des Wochenendhauses meiner Großeltern in der Eifel wohnte. Grete hatte Sonntagnachmittags Ausgang (so hieß das tatsächlich früher) und besuchte dann, wenn sie in der Eifel waren, ihren Bruder. Wenn wir Kinder da waren, nahm sie uns mit; wir mochten den Bruder und seine Familie genauso gerne wie unsere Grete.

Gretes Bruder arbeitete, so erzählte sie uns immer, in Aachen bei einem großen Schokoladenhersteller. Und zwar war er zusammen mit ein paar Kollegen dafür zuständig, Pralinen rund zu lutschen. Wir Kinder fanden das völlig logisch – irgendwie mussten Pralinen ja rund werden; normale Schokolade war ja eckig. Der Bruder selbst war auch ausgesprochen rund, was natürlich daran lag, dass er täglich aus beruflichen Gründen Unmengen an Schokolade aß.

Wenn wir dort zu Besuch waren, fragten wir Kinder manchmal, wie das denn wäre und ob ihm das Spaß machen würde, und er machte bei der Geschichte seiner Schwester heldenhaft mit. Er schmückte die Geschichte sogar noch weiter aus und ergänzte Schokoladenstreusel, in der die Pralinen anschließend gewälzt wurden oder erfand Füllungen, die in die Pralinen hineingelutscht werden mussten. Manchmal hatte er sogar eine Schachtel Pralinen da und zeigte uns Kindern genau, welche Pralinen davon er rund gelutscht hatte und welche seine Kollegen.

Als ich zwölf war und auf dem Gymnasium, musste jeder ein Referat über einen interessanten Beruf schreiben. Wir sollten dazu Informationen einholen und möglichst Menschen befragen, die diesen Beruf ausübten. Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, über welchen Beruf ich schreiben wollte. Informationen einholen brauchte ich nicht – ich wusste ja schon alles. Und einen Menschen befragen musste ich aus demselben Grund auch nicht. Ich schrieb ein in meinen Augen hervorragendes Referat.

Den Rest könnt Ihr Euch voraussichtlich denken. Ich gehörte zu den (wie ich fand) Glücklichen, die ihr Referat vor der Klasse vorlesen durften. Ich bin in meinem Leben vorher und nachher noch nie so ausgelacht worden und ich habe am Anfang überhaupt nicht begriffen, warum. Ich hatte an meinem Wissen nie gezweifelt und es ausgesprochen selbstsicher vorgetragen – und eine grandiose Bauchlandung hingelegt. Als ich endlich verstanden hatte, dass alles nur eine erfundene Geschichte war, habe ich mich so geschämt, dass ich tagelang nicht zur Schule gehen wollte. Und Grete war ich ernsthaft böse, aber nicht lange – sie war einfach zu lieb.

Meine Kinder haben Grete auch noch kennengelernt und sie genauso geliebt wie ich. Ihr Bruder war da leider schon gestorben, aber sie sind auch mit seinem Beruf groß geworden. Allerdings in dem Wissen, dass es nur eine wunderbare Geschichte ist.