Malen & Zeichnen Schreiben Sumisha Ursula

Kleine Raupe Clementina

Im Dezember 2017 haben Ursula und ich einen kleinen Adventskalender gestaltet. Die Bilder habe ich gemalt und Ursula hat sich einen wunerschönen Text dazu ausgedacht. Diese Geschichte könnt ihr nun hier lesen.

Kleine Raupe Clementina – Eine Advents-Bildergeschichte

1. Dezember

'Und sei ja immer freundlich zu allen Wesen, die dir begegnen!' Mama sah mich feste an. 'Wenn du freundlich zu ihnen bist, sind sie es auch zu dir, mein Tinchen'

Eigentlich hieß ich Clementina, aber Mama sagte immer Tinchen zu mir. Mama war der schönste Schmetterling, den ihr je gesehen habt, und ich war ihr Kind. Ihr Sorgenkind, denn ich wollte partout kein Schmetterling werden. Meine Raupenzeit ging langsam dem Ende entgegen, aber nein! Ich wollte kein Schmetterling werden! Auf gar keinen Fall!

Mama hatte lange überlegt, was sie mit mir machen sollte, und sich mit Nachbar Baum und Cousine Sonne beraten. Dann hatte sie eine Idee. Ich sollte auf eine Wanderung gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich fand die Idee großartig, ich war nämlich eine sehr unternehmungslustige kleine Raupe.

'Du hast für deine Reise elf Wünsche frei', sagte Mama und ich hatte den Eindruck, sie zwinkerte Cousine Sonne zu, 'jeder dieser elf Wünsche wird in Erfüllung gehen. Überlege dir gut, was du dir wünschst; mehr als elf Möglichkeiten hast du nicht'.

Elf Wünsche! Ich sah schon einen riesigen Berg duftendes Gras vor meinen Augen, in dem ich es mir gemütlich machen konnte, und ein besonders großes Blatt, dass ich als Boot oder Regenschutz oder Abendessen benutzen konnte. Mir würden schon elf tolle Sachen einfallen.

'Ich wünsch' dir Glück für deine Reise, mein Tinchen. Komm gesund und fröhlich zu mir zurück!' Meine Mama. Ich hatte sie so lieb.

2. Dezember

Ich robbte los. Besonders schnell war ich nicht, und so konnte ich Mama noch bei den gelben Blumen winken sehen, als ich einen großen Vogel sah. Ich erschreckte mich ein bisschen, weil er einen sehr langen und sehr spitzen Schnabel hatte und wir Raupen wissen, dass Vögel uns schon mal gerne als Zwischenmahlzeit aufpicken.

Ich erinnerte mich an Mamas Worte und sagte ganz mutig 'Guten Tag, Herr blauer Vogel!'. Er sah sehr imponierend aus und seine Flügel schimmerten so wie der Himmel. Er schaute mich freundlich an und teilte mir nur ein kleines bisschen hochnäsig mit, dass er ein Braunpunkt-Spitzschnabel wäre, eine besonders seltene Art Vogel, und dass es etwas ganz Besonderes wäre, dass ich ihn kennen lernen durfte.

Ein Braunpunkt-Spitzschnabel! Ich hatte diesen Namen noch nie gehört, aber ich war gehörig beeindruckt. 'Was machen Sie den lieben langen Tag, Herr Braunpunkt-Spitzschnabel? Wohnen Sie hier?'

'Ich fliege herum und zeige allen anderen Wesen meine besondere Schönheit'. Er schien verwundert, dass ich mir das nicht gedacht hatte. 'Jedes Wesen ist glücklich, wenn es mich kennenlernen und anschauen kann'.

Da hatte er Recht; ich war auch glücklich, dass ich ihn kennengelernt hatte. Schön war er wirklich, aber so schön wie meine Mama auf gar keinen Fall. Trotzdem war es bestimmt ein ganz besonderes Gefühl, ein Braunpunkt-Spitzschnabel zu sein. Ich wünschte, ich könnte es mal ausprobieren.

3. Dezember

Huch, was war denn jetzt los? Ich hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da zog und zerrte es in mir und ich bekam lauter braune Punkte. Und himmelsblaue Fügel. Und lange Vogelstelzbeine. Sogar die blauen Kopffedern, die Herr Braunpunkt-Spitzschnabel gehabt hatte, schmückten nun auch meinem Kopf. Wie war das möglich?

Plötzlich fiel es mir siedendheiß ein: Mama hatte mir elf Wünsche mitgeben – und der erste war soeben in Erfüllung gegangen. Ich konnte ausprobieren, wie es war, ein Braunpunkt-Spitzschnabel zu sein.

Ich muss sagen, es fühlte sich gar nicht so schlecht an. Ich war zwar auf den langen Stelzbeinen ein bisschen wackelig unterwegs, aber ich stolzierte trotzdem auf der Wiese auf und ab. Dummerweise sah mich niemand, nur Cousine Sonne schaute mir zu und schien genauso überrascht wie ich.

Nach einer Weile wurde mir ein bisschen langweilig und ich vermisste das kühle Gras am Bauch, durch das ich sonst immer krabbelte und von dem ich hin und wieder auch ein Hälmchen verspeiste. Als Braunpunkt-Spitzschnabel war man bestimmt etwas sehr Besonderes, aber ich wollte doch lieber eine Raupe bleiben. Wie gut, dass ich mir nur 'Ausprobieren' gewünscht hatte.

Wie lange ich wohl noch ausprobieren musste?

4. Dezember

Es dauerte gar nicht lange, bis ich meine Raupenform wieder hatte, und ich krabbelte fröhlich weiter. Hinter einem Hügel hörte ich ein seltsames Geräusch; es schnarrte ein bisschen und pfiff danach – da schnarchte doch jemand?!

Schnell krabbelte ich auf den Hügel und sah die gemütlichste Nachtmütze, die ich jemals gesehen hatte! Sie war rot und hatte orange Streifen und sah herrlich weich aus. Sie trohnte auf dem Kopf eines runden Steines, der tief und feste schlief und lauter rote Herzchen träumte. Er hatte schöne Muster auf seiner Steinhaut und sah sehr friedlich und zufrieden aus. Ich war ganz leise, um ihn nicht zu wecken.

So eine Nachtmütze wollte ich auch gerne haben! Darunter schlief es sich bestimmt ganz besonders feste und gut. Ob ich das mit dem Ausprobieren-Wunsch noch mal versuchen sollte? Zehn Wünsche hatte ich ja noch.

Ich überlegte kurz. Dann wünschte ich mir, für ein Weilchen ein Stein mit Nachtmütze zu sein. Einer herrlich weichen roten Nachtmütze mit orangen Streifen.

5. Dezember

Auch dieser Wunsch ging in Erfüllung. Ich war ein Stein, sogar mit Steinhautmuster. Das mit den Farben der Nachtmütze klappte zwar nicht ganz; meine war hellrot und hatte lila Streifen, aber sie war genauso weich, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich schlief tief und feste und fühlte mich sehr wohl.

Aber… Was essen Steine? Und haben sie Mamas? Oder sind sie immer schon da gewesen? Oder ist ein Berg ihre Mama, von dem sie irgendwann abgebrochen sind? Und schlafen sie eigentlich immer? Oder sind sie manchmal auch auf Wanderschaft? Wobei das bestimmt ein bisschen mühsam wäre, weil sie ja schwer und ziemlich unbeweglich sind.

Ich mochte die weiche Nachtmütze sehr. Und mir gefiel das Steinhautmuster. Aber ich wollte keinen Berg als Mama, das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Und mir machte das umherkrabbeln doch so viel Spaß. Ein Leben als Stein war wohl doch nichts für mich. Ich träumte davon, wieder eine kleine Raupe zu sein.

6. Dezember

Ich war richtig froh, als ich wieder wach und eine Raupe war. Fröhlich krabbelte ich weiter. Es dauerte nicht lange, da hörte ich vor mir ein Glucksen und Plätschern – ich war an einem türkisblauen Fluss angekommen.

Im Wasser schwammen bunte Fische. Die meisten beachteten mich nicht, aber zwei Fische, einer hell- und einer dunkellila, kamen auf mich zu.

'Guten blubb Tag' blubberte der größere der Fische, 'Wie geht es blubb dir?'

Es war so lustig! Immer wenn der freundliche Fisch blubberte, stiegen kleine Blasen auf.

'Mir geht es gut', antwortete ich und frage 'Wie ist das so, wenn man im Wasser lebt?' 'Es ist blubb herrlich! Das Wasser blubb trägt mich und ich kann weite Reisen blubb machen ohne mich anzustrengen'.

Weite Reisen ohne Anstrengung! Das war doch was für mich! Als Raupe war ich nicht besonders schnell und manchmal hatte ich sogar ein bisschen Bauchringelmuskelkater vom vielen Krabbeln.

Ob ich…? Ich schloss die Augen und wünschte mir, für ein Weilchen ein Fisch im türkisen Fluss zu sein.

7. Dezember

Hui! Das war aber ein feines Gefühl! Ich sauste durch das Wasser und fühlte mich fischschuppenleicht. Ich musste auch gar nichts machen, weil das Wasser alle Arbeit erledigte; es floss Richtung Meer und nahm mich einfach mit.

Ein Fisch zu sein war eine sehr tolle Sache, fand ich. Ich war gerne im Wasser; zuhause bei meiner Mama badete ich immer ausgiebig in den kleinen Pfützen, die nach einem Regenguss am Wegrand übrig blieben.

Plötzlich stockte mein Herz und meine Freude liess schlagartig nach. Meine Mama! Wie sollte ich denn jemals wieder zu ihr nach Hause kommen, wenn der Fluss mich einfach mit ins Meer nahm? Ich war viel zu schwach, um gegen seine Strömung zu schwimmen! Ob ich mich vielleicht ans Ufer retten konnte? Aber Fische konnten an Land nicht überleben. Was sollte ich bloß tun?

Ach je, ich hatte mir viel zu vorschnell gewünscht, ein Weilchen ein Fisch zu sein. Es war schön, ja, aber doch nichts für mich! Ich wollte nicht ins Meer, ich wollte doch wieder zurück zu meiner Mama, genau in die andere Richtung! Hoffentlich war mein Wunsch zu Ende, ehe ich im Meer angekommen war.

8. Dezember

Es dauerte nicht lange, bis ich wieder eine Raupe war, aber ich war immer noch im Wasser. Hilfe! Plötzlich wurde ich vorsichtig gepackt, aus dem Wasser gehoben und ins Gras gelegt. 'Geht es dir gut?' fragte eine sanfte Stimme, 'Alles in Ordnung?'

Ich schaute hoch. Vor mir stand ein freundliches wolliges Schaf. Es hatte mich gerettet. Es war ein Deichschaf, erzählte es mir, und wohnte mit seiner Herde direkt am Wasser in der Nähe eines kleinen Dorfes, kurz bevor der Fluss, auf dem ich gereist war, tatsächlich ins Meer mündete. Brauchte ich vielleicht etwas von seiner Wolle, um mich zu trocknen und zu wärmen?

Das Schaf schaute so freundlich, dass ich ihm meine ganze Geschichte erzählte. Von Mama, meiner Reise, den Wünschen und den Wesen, die ich getroffen hatte und die ich sogar kurz gewesen war. Das Schaf hörte mir geduldig zu.

'Das Schafsein hier am Deich ist wunderschön', sagte es, als ich fertig erzählt hatte, 'Wenn Du magst, probiere es doch aus. Vielleicht wirst du als Schaf sogar berühmt, denn viele von uns sind schon fotografiert worden und unsere Bilder hängen jetzt bei netten Menschen in Küchen, Fluren oder Wohnstuben'.

Berühmt sein hörte sich sehr spannend an. Und ein Schaf zu sein war bestimmt sehr beruhigend nach meinem Abenteuer im Fluss. Ja, ich wollte für ein Weilchen gerne ein Schaf sein.

9. Dezember

Das war mein vierter Wunsch gewesen und natürlich ging auch er in Erfüllung. Ich war ein Deichschaf.

Die Fühler auf meinem Kopf sahen bestimmt lustig aus, aber ansonsten war ich von einem hübschen wolligen Schaf kaum zu unterscheiden. Ein Fotograf war allerdings nicht in der Nähe; berühmt oder ein Foto in einer gemütlichen Wohnstube würde ich wohl nicht werden. Das fand ich aber gar nicht schlimm.

Ich stellte fest, dass Schafe genau wie ich als Raupe Gras aßen; das gefiel mir sehr. Gras war mein Leibgericht und hier am Deich war es besonders würzig und saftig.

Cousine Sonne, die mich schon meine ganze Reise treu von weitem begleitete, schickte helle Sonnenstrahlen zu mir herunter und mir wurde warm und wärmer. Puh, war es unter einem so wolligen Fell heiß! Man konnte es gar nicht ausziehen – wie hielten die Schafe das nur aus?

Ich fühlte mich so rundum wohl als Schaf, aber das Fell war schrecklich und fing jetzt auch noch an zu jucken. Wir Raupen haben eine ganz glatte Haut, auf der nur manchmal Borsten wachsen, die uns schützen. Ich war richtig traurig darüber, aber ich musste meine schöne kühle Raupenhaut wieder haben. Ein Leben als Schaf, so schön es auch war, war leider nichts für mich.

10. Dezember

Es war so schön, meine Raupenhaut wieder zu haben! Fröhlich krabbelte ich weiter. Ich hatte mir einen schönen, fein gepflasterten Weg ausgesucht; Abwechslung muss ja auch mal sein. Ich war so mit Krabbeln beschäftigt, dass ich fast das leise Klingeln von Glöckchen überhört hätte. Was war denn das?

Ich schaute hoch und sah eine wunderschöne Blume, die auf einem kräftigen, geringelten und gepunkteten Stängel am Wegrand stand. An der Spitze jedes ihrer Blütenblätter war eine kleine goldene Kugel und in jeder dieser Kugeln klingelte es ganz leise, wenn die Blume sich im Wind wiegte. Es war ein sanftes Klingeln in unterschiedlichen Tönen, die süß und sehr verlockend klangen. Ich hatte noch nie so schöne Töne gehört. Gleichzeitig verteilte sie gelbe Pollen; jedes Mal, wenn ein Windchen vorbei kam, gab sie ihm welche mit. Die ganze Luft war schon erfüllt davon und duftete ganz besonders fein.

'Guten Tag, schöne Blume', sagte ich artig. 'Guten Tag, kleine Raupe', klingelte sie zurück. Sie beugte sich zu mir herunter und lies ein paar ihrer Pollen auf mich rieseln. Ich fühlte mich wie eine Raupenprinzessin im Wunderland, umgeben von Klingeln und Duft und tanzenden Pollen. Noch schöner konnte es nur sein, die Urheberin dieses Wunderlandes zu sein. Ach, ich wollte auch gerne so eine schöne Blume sein, zumindest für ein Weilchen.

11. Dezember

Ihr wundert Euch bestimmt nicht, dass es nur einen kurzen Augenblick dauerte, bis ich tatsächlich eine Blume war. Mit kleinen Kugeln an den Spitzen meiner Blütenblätter und auf einem geringelten Stängel. Die Kugeln waren zwar nicht golden, sondern mehr bronzefarben, aber als ich ganz vorsichtig meinen Kopf mit den Blütenblättern bewegte, konnte ich ein zartes Klingeln erzeugen. Cousine Sonne staunte nicht schlecht, als sie es hörte.

Natürlich wollte ich auch das mit den Pollen ausprobieren und als ein Windchen vorbeikam, versuchte ich, welche zu produzieren. Es gelang mir nicht so richtig gut; sie wollten einfach nicht rund werden, sondern sahen ein wenig wie Kapseln aus. Der Wind nahm sie trotzdem mit und ließ sie in der Luft tanzen. Das machte mich sehr stolz.

Ich fühlte mich sehr wohl als Blume. Ich war fast schwerelos, konnte schöne Töne erzeugen und kapselförmige Pollen produzieren. Aber ich konnte den Ort nicht wechseln. Was, wenn ich lieber auf eine andere Wiese wollte? Oder Lust auf ein Nickerchen an einem gemütlichen Plätzchen im kühlen Gras hatte? Waren schöne Töne und tanzende Pollen wichtiger als das?

Ich musste nicht lange überlegen, dann wusste ich die Antwort: Für mich nicht, denn ich war eine kleine Raupe. Und ich freute mich darauf, bald wieder eine zu sein.

12. Dezember

Meine Wanderung – oder besser Krabbelung – ging weiter. Ich staunte nicht schlecht, als ich plötzlich eine liebe alte Bekannte traf: Schneckeline, die Pilzhausschnecke. Sie wohnte gar nicht weit von Mama und mir weg und war wohl gerade auch auf Wanderschaft. Sie war sehr gerne unterwegs; kein Wunder, sie hatte ja ihr Häuschen auch immer dabei.

Das Besondere an Schneckelines Häuschen war, dass es ein umgebauter Pilz war, ein großer Gelbtupfenpilz. Schneckeline hatte ihn sich gemütlich eingerichtet und wenn sie müde wurde, ringelte sie sich einfach in ihm zusammen.

Das stellte ich mir sehr schön vor; man musste nicht nach einem Blatt suchen, unter das man sich hinkuscheln konnte, oder nach einem Grashaufen – nein, man brauchte sich nur nach Hause ringeln. Wieso war ich nicht schon viel früher auf die Idee gekommen, dass so ein Gelbtupfenpilzhäuschen etwas ganz Tolles war? Ich kannte Schneckeline doch schon fast mein ganzes Raupenleben lang!

So ein Häuschen wollte ich auch, aber dafür musste ich eine Schnecke werden. Ich wünschte mir meinen sechsten Wunsch.

13. Dezember

Was war ich stolz! Ich hatte mein eigenes kleines Gelbtupfenpilzhäuschen auf dem Rücken! Und sah ansonsten eigentlich so aus wie immer, weil Schnecken und Raupen ja viel Ähnlichkeit miteinander haben. Sogar meine Fühler hatte ich; der Unterschied war nur, dass ich Schneckenstreifen hatte, die ich sehr lustig fand.

Natürlich erkundete ich mein Häuschen ausgiebig; es war ein bisschen eng, aber so schön. Mein Schwanz passte nicht ganz rein, aber der konnte ruhig auch draußen schlafen; das war er ja gewohnt. Der Rest von mir war aber warm und geborgen untergebracht – einfach herrlich.

Ich krabbelte eifrig weiter; nach einem geeigneten Plätzchen für die Nacht brauchte ich nicht mehr suchen. Das fand ich sehr praktisch.

Nach einer Weile krabbelte ich langsamer und noch eine Weile später noch langsamer und schließlich gar nicht mehr. Mein Häuschen drückte so sehr! Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht; wie schaffte Schneckeline es nur, den ganzen Tag mit ihrem Häuschen auf dem Rücken unterwegs zu sein? Sie war das wohl nicht anders gewohnt, aber für mich war das neu. Und so schwer!

Ach, was hatte ich Sehnsucht nach einem Grashaufen zum hineinkuscheln oder einem Blatt zum Zudecken. Ich brauchte kein Häuschen, auch wenn es noch so gemütlich war.

14. Dezember

Es war so herrlich, wieder leicht und damit viel beweglicher zu sein! Mir war das früher gar nicht so klar gewesen, was ich für ein Glück hatte, dass ich klein und leicht war. Im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert krabbelte ich weiter.

Was war das denn für ein kalter Tupfen auf meiner Nase? Und jetzt auch auf meinem Rücken? Ich schaute mich um und staunte; ich war tatsächlich in den Bergen angekommen und es schneite. Mama hatte mir oft erzählt, dass auf den Bergspitzen fast immer Schnee liegt, und jetzt sah ich es auch. Ich hatte es nicht glauben wollen, aber sie hatte Recht gehabt.

Und wer war das da vorne mit dem geringelten Zylinderhut? 'Guten Tag', sagte ich 'wer sind Sie denn?' 'Ich bin ein Schneemann und genieße die Schneeflocken', kam die Antwort mit einer leisen, ganz tiefen und etwas heiseren Stimme. 'Und wer bist du?' 'Ich bin Clementina und mache eine große Wanderung', erklärte ich. 'Und gerade ist mir etwas kalt am Bauch'.

Der Schneemann lachte ein bisschen. 'Du musst aufpassen, dass du nicht am Boden festfrierst; das kann leicht passieren. Nur uns Schneemännern nicht.'

Ach du Schreck, ich konnte am Boden festfrieren? Das wollte ich auf gar keinen Fall! Wenn das Schneemännern nicht passieren konnte, wollte ich ganz schnell einer sein. Zumindest bis es wieder ein bisschen wärmer sein würde.

15. Dezember

Gerade noch rechtzeitig – ich war ein Schneemann und konnte nicht mehr festfrieren! Ich hatte sogar so einen geringelten Zylinderhut und lange Astarme, wie sie auch der Schneemann gehabt hatte. Das gefiel mir sehr.

Es schneite immer noch, aber ich fühlte mich sicher und hatte gar keine Angst. Cousine Sonne war hinter den Bergen hervor gekommen und schickte ihre warmen Sonnenstrahlen, so dass der Boden bestimmt bald wieder wärmer sein würde.

Aber…. Was war das? Es wurde wirklich wärmer und ich fing an, überall zu tropfen. Kleine Rinnsale liefen an mir herunter und sammelten sich auf dem Boden zu einer großen Pfütze. Cousine Sonne hatte es zu gut gemeint und taute mich gerade ab; nicht mehr lange und ich würde vollkommen verschwunden sein. Nein, das wollte ich nicht!

Schnell, ich brauchte ein paar Wolken, die mich ein bisschen abschirmen konnten, bis meine Wunschzeit abgelaufen war. Cousine Sonne hatte es so gut gemeint, aber wir hatten beide übersehen, dass warme Sonnenstrahlen und Schneemänner nicht zusammen passten. Dabei mochte ich warme Sonnenstrahlen so gerne, zumindest als kleine Raupe.

16. Dezember

Die blauen Wolken hatten mich gerettet und sobald ich meine Raupenform wieder hatte, krabbelte ich schnell weiter. Am Fuß des Berges stand – Ihr werdet es kaum glauben! – ein Igelschweinchen. Ein echtes Igelschweinchen, ich hatte so ein Glück!

Igelschweinchen waren sehr seltene und sehr schüchterne, aber wunderhübsche und besonders liebe Wesen. Es schaute mich ein bisschen schüchtern, aber auch etwas neugierig und sehr freundlich an und ich guckte zurück.

Ich traute mich nicht, es anzusprechen; ich wollte nicht, dass es sich erschreckte und vielleicht weg lief. So redete ich mit ihm nur in Gedanken; ich sagte ihm, wie lieb es aussah und wie sehr ich mich freute, es getroffen zu haben. Ob es mich wohl verstehen konnte?

Ich mochte seine Nase so gerne, aber am schönsten war sein Igelfell. Es sah gar nicht stachelig aus und stand ihm so gut. Ob mir so ein Fell wohl auch stehen würde?

17. Dezember

Mein achter Wunsch schenkte mir ein Igelschweinchenfell und ich fühlte mich großartig. Es war nicht zu schwer, es war nicht zu warm, es juckte nicht und es schmolz auch nicht. Und es war so schick!

Zu dem Igelschweinchenfell hatte ich auch Igelschweinchenfüße bekommen und tapste damit ein bisschen unbeholfen den Weg entlang. Links und rechts vom Weg waren bunte Blumen und ich fand das Leben ausgesprochen fröhlich. Ich war ja schon viele Wesen gewesen, aber ein Igelschweinchen zu sein (oder zumindest das Fell zu haben), war etwas ganz Besonderes. Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, keine kleine Raupe mehr zu werden.

Was Mama wohl dazu sagen würde, wenn ich als Igelschweinchen Clementina zu ihr zurückkommen würde? Würde sie ihre kleine Tinchen-Raupe vermissen? Würde ich sie traurig machen? Wenn Mama traurig war, war ich es auch; traurige Schmetterlinge sind das Herzzerreißenste, was es gibt, und niemand im Umfeld kann dann fröhlich bleiben. War ich mir wirklich sicher, dass ich ein Igelschweinchen sein wollte, für immer?

Auf einmal hatte ich schreckliches Heimweh nach Mama. Ich brauchte ihren Rat, ihre Nähe und ihre Liebe. Ich musste den schnellsten Weg nach Hause finden.

18. Dezember

Auf einmal hatte ich ein Ziel: Ich wollte nach Hause. Seit ich das wusste, fühlte ich mich raupenleicht und unbeschwert; zu wissen, dass Mama bestimmt schon auf mich wartete, machte mich ganz glücklich. Ich konnte doppelt so schnell krabbeln und wurde gar nicht mehr müde.

Aber wo war der schnellste Weg nach Hause? Ich war so weit gekrabbelt, dass ich ein bisschen die Orientierung verloren hatte. Ob mir der große Rothaubengrinsepilz wohl helfen konnte? Er war wirklich sehr groß und konnte bestimmt alles überblicken.

'Lieber Rothaubengrinsepilz' setzte ich an, 'Wo geht es am schnellsten nach Hause?' Der Rothaubengrinsepilz schaute in alle Richtungen, überlegte kurz und sagte: 'Kleine Raupe, es geht überall nach Hause. Weil überall das Zuhause von jemandem ist.'

Ach je, ein Pilz mit philosophischer Ader! Nachbar Baum hatte die auch hin und wieder; ich verkroch mich dann immer schnell, wenn er loslegte, weil ich nie verstand, was er meinte und deshalb immer einschlief, was nicht sehr höflich war. Zum Glück hatte ich ja noch Wünsche; ich würde selbst nachsehen, wo ich lang musste. Ich verabschiedete mich höflich und wünschte mir, für ein Weilchen ein Rothaubengrinsepilz zu sein. Aber ein ganz besonders großer.

19. Dezember

Ich war bestimmt der größte Rothaubengrinsepilz, den es jemals gegeben hatte. Ich war sogar größer als Frau Tanne, die ihre Nadeln gerade auf rote Zweigenwickler gedreht hatte. Ich sah ein großes Wasser und weit weg die schneebedeckten Bergspitzen. Wenn ich dorthin zurück krabbelte, war das wohl die richtige Richtung – schließlich kam ich daher. Aber ich wollte nicht mehr zurück in die Berge. Und ins Wasser wollte ich auch auf gar keinen Fall nochmal.

Cousine Sonne sah mich ein bisschen von der Seite an; ich glaube, sie war gespannt, was ich jetzt machen würde. Ich überlegte hin und her, während ich die Aussicht genoss. Normalerweise war ich ja immer im Gras unterwegs, da ist die Aussicht nicht so besonders. Allerdings hat man immer frische Grashalme futterbereit direkt vor der Nase, das ist ein für Raupen nicht zu unterschätzender Vorteil.

Ich beschloss, einfach weiter zu krabbeln. Und zwar genau in die entgegengesetzte Richtung der Berge. Mama hatte mir erzählt, dass die Erde rund wäre; wenn ich also immer in die gleiche Richtung krabbeln würde, würde ich auf jeden Fall nach Hause kommen. Ich fand das eine sehr gute Überlegung. Ich würde einfach immer weiter krabbeln, Tag und Nacht.

20. Dezember

Ich machte mein Vorhaben tatsächlich wahr. Ich krabbelte und krabbelte, immer schnurgeradeaus. Cousine Sonne sank tiefer und ihre Strahlen wurden matter; wie jeden Abend ging sie unter und die Sterne nahmen bis zum Morgen ihren Platz am Himmel ein.

Das war mein erster Nachtweg und es war komisch, ohne Cousine Sonne zu sein. Normalerweise kuschelte ich mich um diese Zeit ins Gras oder unter ein Blatt und schlief ein, aber ich musste weiter. Angst hatte ich keine, denn die Sterne mochte ich auch; sie glänzten hell und golden.

Plötzlich stutzte ich und schaute genauer. Mama hatte mir viel von den Sternen erzählt und beigebracht, dass es Sternbilder gibt. Eins hieß zum Beispiel Kassiopeia und zwei andere Kleiner und Großer Bär. Und dann gab es noch das Sternbild Kleine Raupe, und genau das stand über mir am Himmel. Ich hatte es schon oft von ferne gesehen, aber so nahe wie jetzt war es noch nie gewesen. Das konnte kein Zufall sein.

Ich dachte nach. Von Zuhause aus konnte ich das Kleine Raupe-Sternbild sehen, also konnte es von dort oben mein Zuhause auch sehen. Dass es mir so nahe war, musste eine Bedeutung haben: Es würde mich auf direktem Weg nach Hause bringen, da war ich ganz sicher.

21. Dezember

Als Cousine Sonne am nächsten Morgen ganz früh wieder aufging, staunte sie nicht schlecht: Ich reiste als Sternbild Kleine Raupe, in Begleitung vieler anderer Sterne, über den Himmel. Unter mir war die Welt ganz klein; ich konnte von hier oben alle Stationen meiner Reise sehen und ganz weit hinten, am Horizont, Mamas und meine Wiese, unser Zuhause.

Ich strahlte und war unendlich glücklich, auch wenn es ein sehr merkwürdiges Gefühl war, ein Raupe-Sternbild in vielen Einzelteilen zu sein. Nachdem ich mir mit meinem zehnten Wunsch gewünscht hatte, das letzte Stück meiner Reise als Sternbild zurücklegen zu können, hatte ich zuerst ein bisschen Angst gehabt, dass vielleicht der eine oder andere Stern aus meinem Sternbild vom Himmel purzeln würde, aber es ging alles gut.

Ich hatte eine so schöne Reise gemacht, aber je mehr ich gesehen hatte, desto mehr hatte ich meine vertraute Welt vermisst. Unsere Wiese, Nachbar Baum, alle Wesen, die in unserer Nähe wohnten und Mama. Meine kluge, liebevolle, schöne und einzigartige Mama.

22. Dezember

Meine Reise endete an genau derselben Stelle, an der sie begonnen hatte. Da war Nachbar Baum, wie hatte ich ihn vermisst! Ich hatte gar nicht gewusst, wie gern ich ihn hatte; ich hatte ihn immer einfach nur für den weitverzweigten und dichtbeblätternten Nachbar Baum gehalten, aber er war viel mehr als das und ich freute mich so ihn wiederzusehen.

Cousine Sonne war wie meine ganze Reise über bei mir; sie hatte mich außer in der letzten Nacht, in der sie mich in der sicheren Obhut der Sterne wusste, keinen Moment aus den Augen gelassen. Mir dämmerte, dass Mama Cousine Sonne darum gebeten hatte, mich zu begleiten und ich war so froh, dass sie immer da gewesen war, auch wenn uns das kleine Malheur in den Bergen passiert war. Das würden wir für uns behalten, beschlossen wir, das war unser Geheimnis.

Ob Mama schon wusste, dass ich wieder da war? Wenn ja, wo war sie? Warum war sie noch nicht hier? Oder freute sie sich am Ende gar nicht, dass ich wieder da war? Nein, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, nicht meine Mama.

Ich bedankte mich bei Cousine Sonne und winkte Nachbar Baum mit meinen Fühlern fröhlich zu. Dann machte ich mich auf die Suche nach Mama. Weit weg konnte sie nicht sein, denn wir wohnten ja hier.

23. Dezember

Ich war noch nicht weit gekrabbelt, da hörte ich sanftes Flügelschlagen und die liebste Stimme auf der Welt rief 'Tinchen!' Mama, meine Mama, endlich! Es war so schön, in ihr liebes Gesicht zu sehen, wobei ich erst mal nur ganz vorsichtig von unten schaute, weil ich nicht wusste, ob sie mir vielleicht böse war?

'Wie schön, dich wieder zu haben!' Mamas Stimme klang kein bisschen böse. 'Hattest Du eine schöne Reise? Ist es dir gut ergangen und was hast Du erlebt?'

'Ach Mama, es war wunderschön und aufregend und spannend und kalt und nass und warm und kratzig und einmalig', packte ich fast meine ganze Reise in einen Satz, 'Ich bin so froh, wieder bei dir zu sein!'

Mama lachte und auch Cousine Sonne lächelte fröhlich. 'Hast Du auf Deiner Wanderung denn herausgefunden, was Du gerne sein möchtest, mein Tinchen?'

Ich holte tief Luft. 'Ja das habe ich' setzte ich an. 'Und ich habe auch genau noch einen Wunsch übrig, damit es auch ganz bestimmt wahr wird, und zwar so, wie ich es am allerliebsten hätte'.

24. Dezember

Es zerrte ein bisschen und fühlte sich ein wenig seltsam an, aber dann verließ ich meine Raupenhaut und war ein Schmetterling. Der glücklichste Schmetterling, den es jemals gegeben hatte. Nicht mehr Tinchen, die kleine Raupe, sondern Clementina, der Glücksschmetterling.

Mein elfter und letzter Wunsch war der größte, den ich mir gewünscht hatte. Natürlich hatte ich mir nicht gewünscht, ein Schmetterling zu werden, denn das wurde ich ja sowieso. Nein, ich hatte mir gewünscht, dass alle Wesen, die mich auf meiner Wanderung ein Stück begleitet hatten und von denen ich so viel gelernt hatte, an meinem Verwandlungstag bei mir sein sollten.

Sie waren fast alle da: Herr Braunpunkt-Spitzschnabel, der schon wieder (oder immer noch?) gemütlich schnarchende Stein, der blubbernde Fisch, das wollige Deichschaf, die Pilzhausschnecke Schneckeline, der Hauptstern des Raupen-Sternnbildes – sogar der Schneemann war gekommen und hatte vorsichtshalber ein Stück kühlen Berg mitgebracht, hinter dem er sich vor Cousine Sonne versteckte.

Nur die leise klingelnde Blume, der Rothaubengrinsepilz und das Igelschweinchen fehlten. Sie hatte ich mir nicht hergewünscht, weil es für die Blume und den Pilz unmöglich war, den Platz zu wechseln, und sich das schüchterne Igelschweinchen unter so vielen Wesen nicht wohlgefühlt hätte.

Ich schlug mit meinen bunten Flügeln und war seelig. Ich hatte meine Bestimmung gefunden: Ich wollte ein Schmetterling sein, nicht mehr und nicht weniger. Es gab viele schöne Möglichkeiten und ich hatte Dank Mamas Wünschen und den lieben Wesen so viele von ihnen ausprobieren können. Aber ich wollte nicht ein anderes Wesen nachmachen, ich wollte ich sein. Und das ging nur als Schmetterling, zu dem eine kleine Raupe nun mal wird. Warum hatte ich mich nur so dagegen gewehrt?

Hier endet meine Geschichte als kleine Raupe und die des Schmetterlings beginnt. Es war so schön, Euch alles erzählen zu dürfen.

Alles Liebe, Eure Clementina

2017 habe ich mit dem Zeichnen und Malen (wieder) angefangen und mittlerweile ist es ein Teil meines Lebens geworden. Gerne stricke ich auch Socken und höre fast den ganzen Tag irische Musik. Ich lebe mit meinem Mann und unseren zwei jüngsten Kindern in den Schweizer Bergen.

3 Kommentare Neuen Kommentar schreiben

  1. Auch wenn ich die reizende Geschichte von Clementina schon kenne, ist es immer wieder schön, sie zu lesen. Die Bilder und der Text ergänzen sich einfach perfekt! :hurra :herz

  2. Dankeschön ihr zwei Lieben, dass ihr auch hier nochmal einen Kommentar geschrieben habt :herz

    Ich hab auch alles nochmal durchgelesen und finde die Geschichte auch immer noch ganz zauberhaft :smile

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